Ich sitze morgens am Zelt und plane den Tag. Bis zum Terminus sind es noch 22.3 Meilen – ziemlich weit für einen Tag. Ich bin unschlüssig: Die Energie hineinstecken, den Tag über Meilen machen und dann heute Abend am Northern Terminus sein – oder es langsam angehen lassen, einen Tag noch hier draußen zelten und erst morgen ankommen? Vielleicht im ersten Tageslicht? Ohne eine Entscheidung zu treffen, laufe ich los, allerdings schon in dem Bewusstsein, dass dies einer der letzten Tage auf dem Arizona-Trail sein wird. Der Tag ist fotografisch nicht besonders spektakulär – aber die letzte Wasserstelle ist eben auch dann etwas besonderes, wenn es das Foto nicht ist:

Eigentlich ist dieser Ort für Tiere gedacht, aber für Wanderer funktioniert er genauso gut. Dankbar fülle ich meine Flasche auf und gehe weiter. Push und Bear lasse ich bei einer Pause zurück – sie wollen definitiv noch eine Nacht hier oben bleiben. Ich bin unschlüssig und gehe weiter. Als es später wird, suche ich einen Zeltplatz – und treffe noch einmal auf Arizona in seiner rohen Form: „Everything that grows here has prickles“, so hatte ich es gelernt, alles, was hier wächst, hat Stacheln. Mein Versuch, das Zelt an einem einigermaßen unbewachsenen Wegstück aufzustellen, schlägt fehlt – dafür ist mein Ground Sheet jetzt mit Stacheln übersät, die fast alle Widerhaken zu haben scheinen. Auf der Suche nach einem besser geeigneten Zeltplatz laufe ich weiter und weiter – bis ich schließlich nach einer Wegbiegung am finalen Abhang der Wanderung ankomme. Ich treffe eine Entscheidung: Ich werde den Weg heute zu Ende gehen. Auf dem Weg nach unten fotografiere ich einen letzten Blick auf die großartige Canyon-Landschaft:

Links im Bild, im Schatten, der Wanderweg, der mich die letzten Meter nach unten führt. Und dann ist es geschafft: Ich bin am Northern Terminus angekommen, siehe das Bild ganz oben! Nach 1.300 Kilometern oder knapp 800 Meilen schließe ich zum ersten Mal einen Thru Hike eines Fernwanderweges ab. Und das Gefühl dabei ist – sehr antiklimaktisch. Ich bin an einem Ort, der Stateline Campground heißt. An der Grenze zwischen Arizona und Utah gelegen, ist dies ein Campingplatz, der vor allem von Autocampern genutzt wird. Eine Staubpiste führt hierher, es gibt ein paar feste Dächer, die Schatten bieten, Parkplätze, und ein paar Zeltplätze, sonst nichts. Noch nicht einmal Wasser. Und ich bin allein. Es ist noch nicht einmal jemand da, der ein Foto von mir machen könnte. Also ist mein Terminus-Bild ein Selfie mit ausgestrecktem Arm.
Als ich mein Zelt aufstelle, begegne ich einem jüngeren Mann, der mit dem Auto hier ist und ganz offenbar die Einsamkeit aufgesucht hat, um sich über ein paar Dinge klar zu werden. Er freut sich, dass ihm jemand begegnet, der Geschichten zu erzählen hat, die ihn auf andere Gedanken bringen. Ich erzähle von meiner Wanderung, wir teilen uns unseren Proviant, und schließlich lege ich mich zum letzten Mal auf diesem Trail in mein Zelt. Keine große Feierlaune, viel Erschöpfung nach einem langen Wandertag – aber das gute Gefühl, es geschafft zu haben, stellt sich langsam doch ein. Ich schlafe ein.

